Meine Website

Brombeeren und Bravoposter

Warten Sie auf jemanden? Alleinsein auf Probe.

3/9/2017

0 Kommentare

 
Ich hänge meinen vor Nässe triefenden Wintermantel über den Stuhl neben mir, wische mir die Regentropfen von der Brille und schaue durch das große Panoramafenster auf die Dünenlandschaft.
Ich liebe diese Landschaft, denke ich, während ich in der Speisekarte blättere.
Die Kellerin nähert sich langsam und schaut mich fragend an. "Warten Sie auf jemanden?", fragt sie und witft einen Blick auf den Mantel auf dem Stuhl neben mir.
"Nein. Ich darf heute allein Kaffee trinken." lächele ich und bestelle.
Als ich dies auspreche, habe ich das Gefühl, dass mich alle anderen Gäste des Cafés ansehen und sich fragen, warum ich heute keine Gesellschaft habe.
Ist es denn wirklich so ungewöhlich, dass Menschen allein in einem Café sitzen?
Ich sehe mich um und entdecke tatsächlich nur einen Mann, der allein an einem Tisch sitzt und in seine Zeitung vertieft ist.
Sonst sind da zwei Freundinnen, eine Familie mit zwei Kindern, ein frisch verliebtes Pärchen, das die Hände und Augen nicht von einander lassen kann (hach!) und das Pärchen, das sich schweigend gegenübersitzt.
Sie schaut aus dem Fenster, er ist mit seinem Smartphone beschäftigt.
Ein Bild, dass ich so oft sehe. Missmutig drein blickende Pärchen, die sich nichts zu sagen haben. Sind sie nicht genau so allein wie ich? Gemeinsam einsam. Nebeneinander allein?
Ich versuche mein Umfeld auszublenden, verliere mich in Gedanken und genieße meinen Kaffee. Wirr sind sie meine Gedanken, wie immer.
Als der Mann am Nebentisch bezahlt und aufsteht, werde ich aus ihnen gerissen und wieder ein wenig bewusster für meine Umwelt.
Er schaut mich an, wirft sich seinen Schal um die Schulter und hält einen Moment neben mir inne.
"Alleinsein kann nur, wer mutig genug ist, mit seinen inneren Dämonen zu sprechen.
Du siehst aus, als ob du viele Sprachen sprichst, Mädel. Bewahre dir das."
Er lässt mich erstaunt, kopfschüttelnd und etwas lächelnd zurück, während seine Siloutte langsam im Grau Richtung Meer verschwindet.

Alleinsein. Das ist ein Zustand, der bei mir mit gemischten Gefühlen verbunden ist.
Oft sehne ich ihn mir herbei, denn seit es da dieses kleine Wesen an meiner Seite gibt,
ist es sehr selten geworden, dass ich Zeit ganz für mich allein zur Verfügung habe.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass ich mich in letzter Zeit nicht allzu selten allein fühle.
Es macht mir immer noch Angst, dieses Alleinsein.
Ich war es eigentlich in den 30 Jahren meines Lebens noch nie.
Und es ist mit der Notwendigkeit verbunden, dass ich mich mit mir selbst beschäftige, in mich hinein horche.
Dass ich mich an mein inneres Chaos wage, völlig ratlos, wo ich mit dem Aufräumen anfangen soll.
Da sind Monster unter dem Bett.
Ich habe Angst, dass sie sich an meine Waden klammern, sobald ich die Füße unter der warmen Decke hervorstrecke.
Dass sie mich zerfleischen und auffressen.
Über die Jahre habe ich gelernt, die kleinen Monster fasten zu lassen, es gibt Zeiten, da hungern sie sogar.
Und dann bekommen sie wieder ein Festmahl von mir serviert.
Das große Fressen, wenn ich versuche, meine Gefühle und Bedürfnisse unter den Teppich zu kehren.
Doch nun habe ich ja schon in meinem letzten Post beschlossen, dies in Zukunft nicht mehr zu tun.
In einer bestimmten zwischenmenschlichen Beziehung scheine ich damit mometan mal wieder eine Bruchlandung herbei zu schwören.
Dies bereitet mir seit einigen Tagen einiges an Kopfzerbrechen, das wird sich wohl einfach nie ändern.
Ich erwische mich, dass ich denke:
"Wenn Du mich nicht verstehst oder es zumindest versuchst, wer denn dann?"
Und dann bin ich enttäuscht, etwas trotzig, versuche mich wieder unnahbar zu machen (was mir irgendwie nie gelingt, ich Fuchs!).
Und dann frage ich mich, ob ich in dieser Hinsicht zu viel von der betreffenden Person erwarte.
Dass sie perfekt kommuniziert, immer und überall.
Dass sie all meine Bedürfnisse quasi errät.
Ich soll es auf´s Spiel setzen und es einfach ausprobieren; alles zu sagen, was mich beschäftigt, sagt meine Freundin Anka (nach eineinhalb Flaschen Rotwein wohlgemerkt).
"Unbeschwertheit heißt für mich, völlig frei von Unausgesprochenem zu sein.",
habe ich vor Kurzem gelesen und kann mich damit so sehr verbinden.
Und wenn der Preis dafür Alleinsein ist?
Vielleicht ist es ja nur ein Alleinsein auf Probe.
Bis ich dann irgendwann endlich Ich sein darf.

0 Kommentare



Hinterlasse eine Antwort.

    Autor

    Fräulein Fischstäbchen

    Kategorien

    Alle

    RSS-Feed

Powered by Create your own unique website with customizable templates.